Ratgeber

Neuen Kanal nach einer Sperre erstellen – erlaubt?

Der Impuls ist verständlich: Wenn der alte Kanal weg ist, baust du eben einen neuen auf. Genau dieser Schritt kostet viele Creator ihre letzte Chance auf den alten Kanal.

Redaktion Kanalgesperrt.deAktualisiert: 6 Min. Lesezeit
Inhalt dieser Seite
  1. Darf ich nach einer Kündigung einen neuen Kanal eröffnen?
  2. Was YouTube alles als Umgehung wertet
  3. Warum ein neuer Kanal deine Lage verschlechtert
  4. Was das OLG Bamberg zu Zweitkanälen entschieden hat
  5. Team, Manager, Markenkonten: Wo es heikel wird
  6. Die legitimen Wege zurück
  7. Was du jetzt tun solltest
  8. Häufige Fragen
Kurz beantwortet

In der Regel nein. Nach einer Kündigung verbietet YouTube, andere Kanäle zu nutzen, zu besitzen oder neu zu erstellen; ein neuer Kanal gilt als Umgehung und wird meist ebenfalls gekündigt. Das OLG Bamberg (4 U 62/25 e) hat 2025 lediglich entschieden, dass die Weiternutzung bereits bestehender, eigenständiger Kanäle keine Umgehung ist. Der offizielle Weg zu einem Neustart ist der YouTube-Pilot „Second Chances“ – frühestens zwölf Monate nach der Kündigung.

In der Kündigungsmail steht meist schon ein Satz, den viele überlesen: Du darfst keine anderen Kanäle nutzen, besitzen oder erstellen. So war es auch in unserem eigenen Fall. Wer diesen Satz ignoriert, verwandelt eine angreifbare Kündigung oft in eine, gegen die sich kaum noch argumentieren lässt.

Darf ich nach einer Kündigung einen neuen Kanal eröffnen?

Nein, nicht nach YouTubes Regeln. Nach einer Kanal-Kündigung ist es dir laut YouTube-Hilfe untersagt, andere YouTube-Kanäle zu nutzen, zu besitzen oder zu erstellen. Wer es trotzdem tut, verstößt gegen die Richtlinie zur Umgehung von Maßnahmen. Die einzige offizielle Ausnahme ist ein Antrag über den Pilot „Second Chances“ – und der ist frühestens zwölf Monate nach der Kündigung möglich.

Dass ein neuer Kanal technisch in wenigen Minuten angelegt ist, ändert daran nichts. Die Frage ist nicht, ob es geht, sondern was es dich kostet.

Was YouTube alles als Umgehung wertet

Das Umgehungsverbot reicht weiter, als die meisten Creator annehmen. Laut YouTube-Hilfe sind nach einer Kündigung insbesondere riskant oder untersagt:

  • neue Kanäle, egal unter welchem Namen oder Konto,
  • bereits bestehende oder erworbene Kanäle, die du nutzt oder besitzt,
  • Kanäle anderer, auf denen du regelmäßig zu sehen bist (englische Hilfe: „repeatedly or prominently featured“),
  • anderen zu erlauben, deinen Kanal zu nutzen, um deren Kündigung zu umgehen,
  • das erneute Hochladen von Inhalten gekündigter Creator – auch durch Dritte,
  • während einer Verwarnung: einen anderen Kanal zu nutzen, um die Einschränkung zu umgehen. Das kann zur Kündigung aller Kanäle führen.

Hinzu kommt eine Regel aus dem Urheberrecht: Hat ein mit dir verknüpfter Kanal drei aktive Urheberrechtsverwarnungen, kann laut YouTube-Hilfe auch dein eigener Kanal gekündigt werden. Wie YouTube Verknüpfungen erkennt, erklärt die Seite zu verknüpften Konten und Umgehung.

Die folgende Übersicht zeigt, wie unterschiedlich die einzelnen Konstellationen zu bewerten sind:

SituationYouTubes RegelnWas Gerichte bisher sagtenRisiko
Neuer Kanal nach der Kündigunguntersagtkeine Entscheidung bekannt, die das erlaubthoch
Bereits bestehender, eigenständiger ZweitkanaluntersagtOLG Bamberg: keine Umgehung, wenn das beanstandete Verhalten dort nicht fortgesetzt wirdEinzelfall
Jahrelang geduldeter ZweitkanaluntersagtOLG Dresden 4 U 2135/20: Kündigung wegen Verwirkung unwirksamEinzelfall
Fans laden deine alten Videos neu hochgilt als Umgehungkeine Entscheidung bekannthoch
Regelmäßige Auftritte im Kanal eines Freundeserfasstkeine Entscheidung bekannthoch
Antrag über „Second Chances“ nach 12 Monatenoffizieller Wegnicht erforderlichgering

Warum ein neuer Kanal deine Lage verschlechtert

Ein neuer Kanal fühlt sich nach Handeln an. In der Praxis ist er oft der schnellste Weg, alles zu verlieren – aus vier Gründen.

  1. Er wird in der Regel ebenfalls gekündigt. Und mit ihm unter Umständen jeder weitere Kanal, den YouTube dir zuordnet.
  2. Er liefert YouTube einen zweiten, eigenständigen Grund. Selbst wenn die ursprüngliche Kündigung angreifbar war, steht nun ein neuer Vorwurf im Raum: Umgehung. Im Verfahren vor dem OLG Bamberg kündigte YouTube Monate nach den ersten Sperren drei weitere Kanäle genau mit dieser Begründung.
  3. Er verschließt Wege. Das Appeals Centre Europe, die bekannteste Streitbeilegungsstelle nach Art. 21 DSA, nimmt Fälle zu Umgehung und verknüpften Konten ausdrücklich nicht an.
  4. Er schadet deiner Glaubwürdigkeit. Wer sich im Einspruch oder vor Gericht darauf beruft, dass YouTube seine Regeln fair anwenden muss, sollte sie in der Zwischenzeit nicht selbst brechen.
Auch „nur übergangsweise“ ist Umgehung

Ein Kanal, der nur die Community informieren soll, bis der alte zurück ist, bleibt ein neuer Kanal. Das Umgehungsverbot kennt keine Ausnahme für gute Absichten.

Was das OLG Bamberg zu Zweitkanälen entschieden hat

Die bisher wichtigste Entscheidung zum Thema stammt vom OLG Bamberg (Entscheidung vom 28.07.2025, 4 U 62/25 e). Im November 2024 hatte YouTube drei Kanäle eines Creators ohne vorherige Warnung gesperrt; die E-Mails verwiesen nur auf die Richtlinien zu „Spam, irreführenden Praktiken und Betrug“. Im Januar 2025 folgten drei weitere Kanäle – diesmal wegen angeblicher Umgehung.

Das Gericht hob im Eilverfahren die Januar-Sperren auf. Die Begründung: Eine Umgehung liegt nur vor, wenn das beanstandete Verhalten auf anderen Kanälen fortgesetzt wird. Die bloße Weiternutzung bereits bestehender, thematisch eigenständiger Kanäle reicht dafür nicht. YouTube musste die drei Kanäle bis zum 31.01.2027 freischalten, also befristet, und durfte sie nicht aus denselben Gründen erneut sperren. Die Eilbedürftigkeit bejahte das Gericht, weil der Creator von den Kanälen lebte, Mitarbeiter beschäftigte und mit zunehmender Dauer der Sperre Reichweite verlor. Ob YouTubes pauschale Sperrmitteilungen den Anforderungen von Art. 17 DSA genügen, ließ es offen.

Schon 2021 hatte ein anderer Fall in dieselbe Richtung gewiesen. YouTube hatte 2017 einen Kanal gekündigt und im März 2020 auch einen Zweitkanal desselben Creators beendet, den es jahrelang geduldet hatte. Das Landgericht Dresden hielt diese Kündigung für unwirksam, weil YouTube sein Kündigungsrecht verwirkt habe. YouTube nahm die Berufung zum OLG Dresden (4 U 2135/20) zurück, damit ist die Entscheidung rechtskräftig. Beide Entscheidungen findest du in unserer Urteils-Datenbank.

Mythos

Seit dem Urteil des OLG Bamberg darf ich nach einer Sperre einfach einen Zweitkanal betreiben.

Fakt

Das Gericht hat nur über bereits bestehende, eigenständige Kanäle entschieden – und das im Eilverfahren, befristet und für einen konkreten Fall. Einen neu erstellten Kanal deckt die Entscheidung nicht. YouTubes Regeln sind unverändert.

Für bestehende Zweitkanäle ist die Entscheidung trotzdem ein wichtiges Argument. Ob sie auf deine Konstellation passt, hängt von Details ab: Thema, Inhalte, Zeitpunkt der Gründung, Zusammenhang mit dem beanstandeten Verhalten. Das prüft eine Anwältin oder ein Anwalt, bevor du einen solchen Kanal weiter bespielst.

Team, Manager, Markenkonten: Wo es heikel wird

Professionelle Kanäle sind selten Ein-Personen-Projekte. Genau das macht das Umgehungsverbot im Alltag so tückisch. Kanäle laufen über Markenkonten mit mehreren Inhabern und Managern, Cutter haben Zugriff auf mehrere Projekte, Teammitglieder betreiben eigene Kanäle, in denen du gelegentlich auftauchst.

YouTube legt nicht im Detail offen, ab wann eine solche Rolle als „Nutzung“ eines anderen Kanals gewertet wird. Fest steht nur: Das Verbot erfasst auch Kanäle, auf denen du regelmäßig zu sehen bist. Und die Kündigungswelle Ende 2025 hat gezeigt, dass schon angebliche Verbindungen zu fremden Kanälen ausreichen können, um alle Kanäle eines Creators zu kündigen.

  • Kläre mit deinem Team, dass niemand deine alten Inhalte auf anderen Kanälen hochlädt.
  • Verzichte bis zur Klärung auf Auftritte in Kanälen anderer.
  • Halte fest, wer auf welchen Kanälen welche Rolle hat – das brauchst du, falls YouTube eine Verknüpfung behauptet.
  • Lass prüfen, bevor bestehende Kanäle deines Teams weiterlaufen, in denen du eine Rolle hattest.

Die legitimen Wege zurück

Statt eines neuen Kanals gibt es eine klare Reihenfolge von Wegen, die deine Position stärken statt schwächen. Welcher davon in deinem Fall zuerst kommt, hängt vom Kündigungsgrund und vom Datum ab.

1. Einspruch

Bis zu einem Jahr nach der Kündigung, aber nur begrenzt oft. Welche Fehler ihn verbrennen, steht im Ratgeber YouTube-Einspruch schreiben.

2. DSA-Beschwerde

Nach Art. 20 DSA mindestens sechs Monate lang, kostenlos und nicht allein automatisiert zu entscheiden. Ablauf: DSA-Beschwerde Schritt für Schritt.

3. Gericht

Der Gerichtsweg steht jederzeit offen. Für eine Eilverfügung zählt Tempo – viele Gerichte sehen die Dringlichkeit nach rund einem Monat als widerlegt an.

4. „Second Chances“

Ab Monat zwölf der offizielle Neustart: ein neuer Kanal ohne alte Videos und Abonnenten, regelkonforme Videos dürfen neu hochgeladen werden. Mehr dazu unter YouTube „Second Chances“.

Und in der Zwischenzeit? Deine Community musst du nicht verlieren. Informiere sie über Wege außerhalb von YouTube, etwa Newsletter, Website oder andere Plattformen – unter Beachtung der dortigen Regeln. Was du Fans und Partnern konkret sagst, steht im Ratgeber Kanal gesperrt – was du Sponsoren und Community sagst.

Aus dem Freigabe-Blueprint

Für Kündigungen wegen angeblicher Umgehung oder Verknüpfung enthält der Einspruchs-Baukasten im Freigabe-Blueprint einen eigenen Baustein – inklusive der Fragen, die du zu Rollen, Zugängen und bestehenden Kanälen vorab klären solltest.

Was du jetzt tun solltest

Bevor du irgendeinen Kanal anlegst, bespielst oder löschst, brauchst du Klarheit über drei Punkte: welcher Grund genannt wurde, welche Kanäle YouTube dir zuordnen könnte und welche Frist zuerst abläuft. Wer an dieser Stelle zwei Tage investiert, verliert keine zwölf Monate.

Erst prüfen, dann handeln

Der kostenlose Sperr-Check fragt ausdrücklich nach anderen betroffenen oder neu erstellten Kanälen und zeigt dir, welche Wege bei deinem Kündigungsgrund grundsätzlich offenstehen.

Häufige Fragen

Gilt das Umgehungsverbot auch für TikTok, Instagram oder Twitch?

YouTubes Umgehungsregel bezieht sich laut YouTube-Hilfe auf YouTube-Kanäle. Andere Plattformen haben eigene Nutzungsbedingungen, die du dort prüfen musst. Vorsicht gilt bei YouTube selbst: Werden Inhalte gekündigter Creator auf anderen YouTube-Kanälen hochgeladen, wertet YouTube auch das als Umgehung.

Kann ich meinen gekündigten Kanal löschen und sauber neu anfangen?

Davon ist abzuraten. Wer seinen gekündigten Kanal oder sein Google-Konto löscht, sieht laut YouTube die Option „Second Chances“ später gar nicht mehr. Ein neuer Kanal vor Ablauf von zwölf Monaten bleibt zudem eine Umgehung – und mit dem gelöschten Konto verschwinden auch Belege, die du für Einspruch oder Gericht brauchst.

Wann und wie kann ich über „Second Chances“ einen neuen Kanal beantragen?

Frühestens ein Jahr nach der Kündigung. Die Option „Request new channel“ erscheint dann in YouTube Studio am Desktop, wenn du mit dem gekündigten Kanal angemeldet bist; YouTube führt den Pilot schrittweise ein. Ausgeschlossen sind Kündigungen wegen Urheberrechtsverstößen und wegen Verstößen gegen die Richtlinie zur Verantwortung von Creatorn.

Mein Kanal wurde wegen eines fremden, verknüpften Kanals gekündigt. Was nun?

Dann richtet sich dein Vorgehen gegen die Kündigung selbst – mit der Frage, worauf YouTube die Verknüpfung stützt. Ende 2025 bekam ein Tech-Creator mit mehr als 350.000 Abonnenten seine Kanäle rund 24 Stunden nach einer solchen Kündigung zurück. Beachte: Das Appeals Centre Europe nimmt Fälle zu verknüpften Konten nicht an, hier bleiben Einspruch, DSA-Beschwerde und der Gerichtsweg.

Merkt YouTube überhaupt, wenn ich einen neuen Kanal starte?

Welche Signale YouTube für eine Verknüpfung auswertet, legt die Plattform nicht offen. Die Kündigungswelle Ende 2025 hat gezeigt, dass schon angebliche Verbindungen zu Kündigungen führen können. Tipps, wie man eine Sperre unbemerkt umgeht, geben wir bewusst nicht – sie verstoßen gegen die Richtlinien und gefährden jeden legitimen Weg zurück.

Quellen & Rechtsgrundlagen: YouTube-Hilfe „Schließung des Kontos oder Kanals“ (answer/2802168) · YouTube-Hilfe: Verwarnungen und Einschränkungen (answer/2802032) · YouTube-Hilfe: Umgehung von Maßnahmen (answer/2801981) · YouTube-Hilfe: Urheberrechtsverwarnungen (answer/2814000) · YouTube „Second Chances“ (answer/16369459) und YouTube-Blog „Second chances on YouTube“ vom 09.10.2025 · OLG Bamberg, 28.07.2025 – 4 U 62/25 e (Vorinstanz LG Schweinfurt, 11 O 84/25 eV) · OLG Dresden, 4 U 2135/20 (Pressemitteilung vom 14.04.2021) · Appeals Centre Europe, FAQ · Art. 20, 21 DSA (VO (EU) 2022/2065)
Redaktion Kanalgesperrt.de

Wir sind selbst Creator und haben einen gekündigten Kanal per einstweiliger Verfügung zurückgeholt. Unsere Inhalte stützen sich auf veröffentlichte Gerichtsentscheidungen, den Digital Services Act und die offiziellen YouTube-Richtlinien. Keine Rechtsberatung – im Einzelfall entscheidet eine zugelassene Anwältin oder ein Anwalt. So arbeiten wir.